Zwischen Staub und Ewigkeit:
Auf Spurensuche in Israel
Warum Israel? Von Erwartungen, Glauben und der Suche nach dem Besonderen
Warum reist man in ein Land, in dem Krieg herrscht, während das eigene Umfeld besorgt den Kopf schüttelt? Für mich lag der Hauptgrund tief in meiner eigenen Geschichte und meinem Glauben verwurzelt. Als Christ gab es da schon lange diesen einen großen Wunsch: Einmal selbst an den Orten stehen, an denen Jesus gelebt und gewirkt hat. Einmal die Erde unter den Füßen spüren, von der man sonst nur in den alten Texten liest.
Ich wollte die Stätten nicht nur als Tourist besichtigen, sondern erhoffte mir mehr – eine tiefere Spiritualität, vielleicht dieses ganz besondere Gefühl einer greifbaren Gottesnähe. Natürlich wusste ich rational, dass man solche Momente weder erzwingen noch provokativ erwarten kann. Und doch reist die leise Hoffnung immer mit, dass man an einem solchen Ort etwas berührt wird, das über den Alltag hinausreicht.
Um die Sicherheitslage machte ich mir im Vorfeld erstaunlich wenig Sorgen. Mein Grundsatz ist schlicht: Gefährlich kann es heutzutage überall sein. Man kann auch zu Hause zur falschen Zeit am falschen Ort sein und Opfer eines Anschlags werden. Wenn überhaupt, hatte ich eher das Gefühl, dass die israelischen Sicherheitskräfte auf Ernstfälle ungleich besser vorbereitet sind als wir es in Deutschland gewohnt sind.
Dass mir schlussendlich noch das Angebot der Universität Jena und der Ernst-Abbe-Stiftung in den Schoß fiel, welche die Unterbringungskosten während der zwei Grabungswochen übernahm, war das letzte Zünglein an der Waage. Günstiger und authentischer würde ich wohl kaum wieder die Gelegenheit bekommen, das Heilige Land zu erkunden. Und so packte ich meine Siebensachen, um mich auf eine Reise einzulassen, die mich noch lange beschäftigen sollte …
Sicherheit wird groß geschrieben
Zwar bin ich kein Vielflieger und auch nicht zum ersten Mal außerhalb Europas unterwegs, doch die Sicherheitskontrollen am BER stellten mich vor Überraschungen: Das Gepäck wurde dreimal durchsucht, Pass und Bordkarte wurden viermal überprüft – als würde El Al gleich zweimal abheben. Die E-Mail der Fluggesellschaft El Al, die mich aufforderte, drei Stunden vor Abflug anzureisen, hatte mich bereits gewarnt, aber dieses Ausmaß übertraf meine Erwartungen. Vielleicht gerade deshalb verging die Zeit sehr schnell, und auch der knapp vierstündige Flug war deutlich weniger anstrengend als befürchtet.
Gegen 16:00 Uhr -mit einer Zeitverschiebung von + 1, landete ich in Tel Aviv. Statt den anderen Passagieren zu folgen, orientierte ich mich an den Beschilderungen – die mich allerdings zu einem Schalter brachten, der eigentlich Familien mit Kindern und Menschen mit Behinderungen vorbehalten war. Der Beamte zeigte sich nachsichtig. Vielleicht lag es an meiner Hebräisch- und Englischresistenz, vielleicht auch an dem Schreiben der Uni Tel Aviv in meinem Pass, das mich als Teilnehmer einer archäologischen Grabung auswies. Wie auch immer, während die meisten Mitreisenden noch am regulären Schalter in der Schlange standen, hielt ich bereits meinen Koffer in der Hand und machte mich auf die Suche nach dem Bahnhof.
Gut vorbereitet, wie ich war, hatte ich die Rav-Kav-App bereits installiert – das digitale Ticketsystem für alle öffentlichen Verkehrsmittel Israels. Doch meine neue SIM-Karte war noch nicht aktiviert, die App somit zunächst nutzlos. Meine erste echte Begegnung mit einem Israeli stand bevor: ein Bahnmitarbeiter, der natürlich kein Deutsch sprach, aber mein Anliegen sofort verstand und mir beim Ticketkauf half.
Da Flughafen und Bahnhof nahtlos ineinander übergehen, ersparte ich mir eine weitere Kontrolle – eine Ausnahme. Normalerweise wird man in Israel an Bahnhöfen, Einkaufszentren und öffentlichen Gebäuden gescannt. Dazu kommen Leibesvisitationen und Fragen nach Waffen und gefährlichen Gegenständen – als würde ein Terrorist diese ehrlich beantworten. An jeder Ecke stehen mit MPs bewaffnete Sicherheitsbeamte – willkommen im Nahen Osten.
Der erste Eindruck und die Öffis
Auf dem Bahnsteig bekam ich fast einen Hitzschlag – und lernte sofort meine erste israelische Lektion: Immer etwas zu trinken dabei haben! Zwar wusste ich genau, welche Temperaturen mich erwarteten, doch insgeheim hatte ich gehofft, die Wärme würde sich anders anfühlen. Immerhin fuhren die Züge im 30-Minuten-Takt, sodass ich nicht lange auf den nächsten warten musste. Zum Abkühlen war die Fahrt allerdings viel zu kurz: Schon nach einer Station – Bahnhof HaHagana – musste ich wieder raus. Und schon folgte der nächste Dämpfer.
Der erste Eindruck von Tel Aviv, der sich mir hier bot, war gelinde gesagt ernüchternd und nicht wirklich einer Hauptstadt würdig. Dreckige Straßen, überquellende Müllcontainer und heruntergekommene Fassaden. Um zum Hotel zu gelangen, hatte ich mir eine Route mit dem Bus rausgesucht. Doch das stellte mich vor neue Herausforderungen. Bushaltestellen in Israel haben nicht immer Wartehäuschen, sind spärlich ausgeschildert, und Busse halten nur, wenn man den Fahrern unmissverständlich zuwinkt. Hat man diese erste Hürde genommen und einen Bus erwischt, heißt es: gut festhalten und auf Sicherheit verzichten. Rasant ist noch eine Untertreibung. Die Fahrer stehen offenbar unter enormem Zeitdruck, als würde ihnen jede Sekunde vom Lohn abgezogen. Sie warten kaum ab, bis Passagiere ein- und ausgestiegen sind, bevor sie wieder losfahren . Auch das Aussteigen erfordert präzises Timing: Wer den Stopknopf drückt, aber nicht sofort an der Tür steht, fährt unfreiwillig eine Haltestelle weiter. Auch diese Lektion musste ich lernen. Schließlich wollte ich nur noch ins Hotel und mich hinlegen. Die Temperaturen schlauchten enorm.
Nur leider war die Unterkunft nicht wirklich leicht zu finden. „The Urban Chalet“ – ein Fall von ‚False Advertising‘? Die baufällige Fassade deutete keineswegs auf das Innere hin, eher auf ein verfallenes Lagerhaus. Ich lief mehrmals vorbei und dachte: Das kann es nicht sein. Doch welche Überraschung! das Zimmer machte die Odyssee wieder wett – geräumig, sauber, klimatisiert und super ausgestattet mit Sauna und Pool. Endlich konnte ich abkühlen. Und das war bitter nötig.

Auf den Spuren Jesu in Jerusalem
Donnerstag machte ich mich schon sehr zeitig auf den Weg nach Jerusalem. Zum einen, um vor dem Touristenansturm an den Sehenswürdigkeiten zu sein und ebenso, um der brütenden Mittagshitze zu entgehen.
Der nächste Bahnhof -Savidor- war gut mit der Straßenbahn (R1) zu erreichen und mit dem Zug, der stündlich fährt, war ich nur gut eine halbe Stunde unterwegs. Der Zielbahnhof in Jerusalem ist mit 80 m unter der Erde, einer der tiefsten Bahnhöfe der Welt, Von ihm aus ging es per Bus in Richtung Tempelberg. Dort wollte ich meine Tour durch die Heilige Stadt starten. Was mir allerdings nicht bewusst war: Der Zugang zum Plateau mit dem Felsendom ist außerhalb sehr kurzer Besuchsfenster ausschließlich Muslimen vorbehalten. Freundlich, aber bestimmt wurde ich am Tor zurückgewiesen.
Gut, dass die meisten Sehenswürdigkeiten nur fußläufig voneinander entfernt liegen, also machte ich mich auf in Richtung Ölberg, schließlich zog auch Jesus von dort kommend nach Jerusalem ein. An seinem Fuß befindet sich der Garten Getsemani, der weltberühmt ist, für seine jahrhundertealten, knorrigen Olivenbäume – einige von ihnen sollen laut Forschern tatsächlich von jenen Bäumen abstammen, die schon zu Jesu Zeiten dort standen. Es ist der Ort, an dem Jesus in der Nacht vor seiner Kreuzigung mit seinen Jüngern betete und schließlich verraten wurde. Direkt daneben liegt die beeindruckende Kirche der Nationen (auch Todesangstbasilika genannt). Sie wurde in den 1920er Jahren durch Spenden aus aller Welt erbaut – in den Kuppeln der Kirche hängen die Wappen (12) der Geberländer. Im Inneren ist sie bewusst dämmrig und kühl gehalten. Vor dem Altar liegt der Fels, auf dem Jesus bittere Tränen vergossen haben soll, wie geschrieben steht bei Lk 22,44: „Und er geriet in Todesangst und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“
Vom Ölberg aus machte ich mich auf den Weg in die Altstadt und begab mich hinein in das jüdische Viertel zur Klagemauer (Kotel). Sie ist der heiligste Ort des Judentums und das letzte Überbleibsel der mächtigen westlichen Stützmauer des zweiten jüdischen Tempels, den Herodes einst ausbauen ließ und der im Jahr 70 n. Chr. von den Römern zerstört wurde. Die Atmosphäre hier ist schwer in Worte zu fassen: Hunderte Menschen stehen dicht an dicht, beten intensiv und wiegen sich im Rhythmus ihrer Gebete. Ich beging zwar den Fehler, auf der rechten (der für Frauen vorbehaltenen) Seite hinunter zur Mauer zu gehen, aber das schien niemanden zu stören und ich bin sicher, meine Gebete erreichten Gott auch von dort.
Die Klagemauer liegt am Rande der Altstadt, nur gut 500 m von der Via Dolorosa – der „schmerzhaften Straße“ – entfernt. Auf diesem geschichtsträchtigen Weg, der heute mitten durch das wuselige muslimische und christliche Viertel führt, soll Jesus sein Kreuz getragen haben. Die insgesamt 14 Kreuzwegstationen führen vorbei an kleinen Kapellen und Händlern, die lautstark ihre Waren feilbieten – ein fast skurriler Kontrast zwischen Frömmigkeit und Alltagstrubel.
Die letzten fünf Stationen des Kreuzweges befinden sich im Inneren der Grabeskirche (auch Auferstehungskirche genannt). Seit dem 4. Jahrhundert gilt sie als Ort der Kreuzigung (Golgota) und des Grabes Jesu. Das gigantische Bauwerk wird von sechs verschiedenen christlichen Konfessionen verwaltet, was in der Vergangenheit so oft zu Streit führte, dass der Schlüssel zur Kirche seit Jahrhunderten traditionsgemäß in den Händen einer muslimischen Familie liegt. Drinnen, gleich hinter dem Eingang befindet sich der Salbungsstein, auf dem der Leichnam Jesu nach der Abnahme vom Kreuz für das Grab vorbereitet worden sein soll. Tiefer im Inneren der Kirche steht eine Kapelle, die Ädikula, das zentrale Grabmonument Jesu, das über dem Felsengrab errichtet wurde. Das frühe Aufstehen hatte sich gelohnt. Ohne Anstehen oder Gedränge konnte ich in die Kapelle und hatte diese zeitweise sogar ganz für mich. Mit Abstand der berührendste Moment meiner Reise.

Das alte Jaffa, Bauhaus-Trubel und der nahende Schabbat
Am Freitag entschied ich mich für ein Kontrastprogramm, zumal es ab mittags wahrscheinlich, wegen des anstehenden Shabbats hektisch werden würde. Zuerst zog es mich in den Süden nach Jaffa, der antiken Hafenstadt, aus der das moderne Tel Aviv einst hervorgegangen ist. Im arabisch dominierten Viertel, war mein erstes Ziel der berühmte Flohmarkt (Shuk HaPishpeshim). Ein absolutes Erlebnis für die Sinne: In den engen Gassen drängt sich alles aneinander – von echtem Antikschmuck über Vintage-Möbel bis hin zu skurrilem Trödel. Gekauft habe ich nichts, außer einem kleinen Wandschmuck mit Dürers betenden Händen, für knapp 3,- € und einer Kugel Eis für 6,- € (und wir schimpfen in Erfurt schon über 1,80 / Kugel).
Vom Markt aus schlängelte ich mich durch die ungewöhnlich gut restaurierten Gassen aus hellem Sandstein hinab in Richtung Hafen, um das Haus von Simon dem Gerber zu suchen. Für Pilger und Christen ein absolutes Muss. Laut Apostelgeschichte wohnte der Apostel Petrus hier während seines Aufenthalts in Jaffa und hatte auf dem Dach des Hauses eine Vision, die dazu führte, dass sich das frühe Christentum auch für Nicht-Juden (Heiden) öffnete. Leider befindet sich das Haus mit seinem kleinen Leuchtturm heute in Privatbesitz, sodass man es nur von außen bestaunen kann. Die historische Aura die es umgibt, ist dennoch spürbar.
Ich spazierte noch ein wenig am Meer entlang und begab mich gegen Mittag zurück ins moderne Zentrum von Tel Aviv.
Dort stürzte mich in das pulsierende Leben rund um den Dizengoff Square, dem Herzstück der „Weißen Stadt“ der berühmt ist für die ihn umgebende Bauhaus-Architektur. Hier wimmelte es nur so von Menschen und ich fragte mich, wie viel die Leute wohl verdienen mochten, dass sie sich angesichts der wahnsinnigen Preise, die in den Straßencafés und Bars aufgerufen wurden, die Getränke und das Essen leisten konnten. Die erbarmungslose Hitze und meine völlig durchgeschwitzte Kleidung, zwang mich in einen der Einkaufstempel in der Nähe und so kam ich direkt noch zu einem neuen Shirt. Früher als geplant, aber trotzdem gut ‚geschafft‘ machte ich mich gemütlich auf den Heimweg ins Hotel.
Am Samstag hieß es früh aufstehen. Bereits um 6:00 Uhr stand ich am Strand und sprang ins Mittelmeer – der perfekte Start in den Tag, bevor die Sonne wieder alles aufheizt. Danach schnappte ich mir ein Mietfahrrad, um die Stadt entspannt zu erkunden. Der leichte Wind im Gesicht, das blaue Meer zur Seite – es fühlte sich den ersten Tag wirklich nach Urlaub an.
Doch die Leichtigkeit hielt nicht lange an. Auf meiner Fahrt passierte ich unter anderem den Krater eines iranischen Raketentreffers. Mitten in dieser Urlaubsidylle, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt, starrte ich auf die Spuren eines Angriffs. In diesem Moment wurde mir schlagartig bewusst, wie nah der Krieg hier eigentlich ist. Es ist eine der extremsten Erfahrungen dieser Reise: Wie die Menschen hier einerseits ihr Leben in vollen Zügen genießen, während im Hintergrund die ständige Bedrohung allgegenwärtig ist. Ein tief bewegender Moment, der mich auf dem weiteren Weg noch lange beschäftigt hat.
Ich besuchte das Tel Aviv Museum of Art – nicht zuletzt auch, um der extremen Hitze der Stadt für eine Weile zu entkommen. Das Haus gilt als das führende Kunstmuseum des Landes und sieht schon von außen ziemlich spektakulär aus: Ein futuristischer Bau aus kantigen Betonplatten, der im Inneren von einem spiralförmigen Lichtschacht durchbrochen wird. Drinnen verging die Zeit ziemlich schnell. Das Museum beherbergt in zwei Gebäuden, die über einen unterirdischen Tunnel miteinander verbunden sind, eine riesige Sammlung, die von der klassischen Moderne bis hin zu zeitgenössischer israelischer Kunst reicht. Ich bin zwar kein absoluter Kunstenthusiast, war aber sehr angetan von den ausgestellten Werken von Käthe Kollwitz, Lesser Ury, Max Pechstein und Leopold Gottlieb. Sogar einen echten Chagall entdeckte ich in den Räumen. Beeindruckend fand ich die Abteilung für israelische Kunst, die einen Einblick in die Identität und Geschichte des Landes bietet.
Natürlich durfte auch an diesem Tag das obligatorische Fettnäpfchen nicht fehlen. Als ich mich zwischendurch kurz setzen wollte, um die Eindrücke zu reflektieren, wählte ich dafür ausgerechnet ein Ausstellungsstück, das ich fälschlicherweise für eine normale Sitzbank hielt. Ich wurde folgerichtig umgehend von einer herbeieilenden, sichtlich alarmierten Angestellten wegen meines Verhaltens gerügt.
Nahalal und das Kennenlernen der Crew
Am Sonntag traf ich auf die restlichen Teilnehmer der Ausgrabungsmission um Professor Hannes Bezzel von der Uni Jena. Gemeinsam fuhren wir nach Nahalal in unser Quartier: das WIZO-Internat. Der Ort selbst hat Geschichte, wurde er doch 1921 als allererster Moschaw gegründet. Das Internatsgebäude stammt zwar aus dem Jahr 2017, wirkte aber schon ziemlich verwohnt und ist bei weitem nicht mit deutschem Standard zu vergleichen -aber was solls, ich hab ja schließlich kein Luxus-Resort gebucht und es sollte ja auch nur für 11 Nächte sein. Ich bezog ein Dreibettzimmer mit Marc aus Israel und Jonathan aus Deutschland.
Der Montagmorgen brachte die unerbittliche Grabungsroutine mit sich: Der Wecker klingelte um 4:00 Uhr, um 4:45 Uhr fuhr der Bus ab. Am Hügel Tel Shadud wurden wir in Teams aufgeteilt. Ich wurde Area C, einer von vier Grabungsstellen zugewiesen. Innerhalb dieser wiederum gab es vier Sektionen von ungefähr 25 qm, die jeweils von drei bis vier Leuten ‚bearbeitet‘ wurden. Teils ganz vorsichtig mit Spachtel und Pinsel, manchmal aber auch mit brachialer Gewalt, unter zu Hilfenahme einer Spitzhacke, musste Schicht für Schicht die Erde abgetragen und auf der Suche nach ‚pottery, bones and coins‘ über einer Schubkarre gesiebt werden. Die Erde wurde am Fuß der Area aufgeschüttet, die gefundenen Artefakte in mit dem genauen Fundort beschrifteten Eimern gesammelt. Schon innerhalb der ersten Stunden barg eine Mitstreiterin in meiner Area eine historische Speerspitze aus Feuerstein -eine nicht zu unterschätzende Motivation, denn die Arbeit ist schon recht stupide.
Der historische Hintergrund von Tel Shadud
(An dieser Stelle lohnt sich ein genauerer Blick auf die Geschichte des Ortes, an dem wir täglich im Staub graben:)
Tel Shadud liegt am nördlichen Rand der geschichtsträchtigen Jesreelebene (Jezreel Valley). Die eigentliche Fundstätte umfasst einen kleinen Siedlungshügel (den sogenannten Tel oder Mound) von etwa zwei Hektar Größe sowie die dazugehörige frühgeschichtliche Siedlung. Letztere erstreckt sich direkt vom Fuße des Hügels bis zur nahegelegenen Quelle von ‚En Shadud.
Historisch ist der Ort extrem spannend: Die Stätte wird mit der kanaanitischen Stadt śrt identifiziert, die bereits in den topografischen Listen von Pharao Thutmosis III. erwähnt wird. Zudem gilt sie als das biblische Sarid – jene Grenzstadt zwischen den beiden Stämmen Issachar und Sebulon (Josua 19:10, 12). Wahrscheinlich fand genau hier auch die Schlacht statt, an die im berühmten Deboralied (Richter 5:13) erinnert wird. Das Lied hebt passenderweise die besondere Rolle genau dieser beiden Stämme bei der Anführung der Streitkräfte hervor.
Über die Jahrtausende hinweg haben hier ganz unterschiedliche Epochen ihre Spuren hinterlassen:
- Die Frühbronzezeit IB (ca. 3350–3000 v. Chr.): Sie markiert die erste Besiedlung und die Gründung eines erstaunlich großen, komplexen Dorfes am Fuße des Tels.
- Die Mittelbronzezeit (ca. 1950–1600 v. Chr.): In dieser Phase schrumpfte die Siedlung auf die Grenzen des eigentlichen Hügels zusammen und wurde vermutlich befestigt.
- Der Bestattungsplatz: Die Bereiche am Fuße des Tels wurden über einen enorm langen Zeitraum als Friedhof genutzt – beginnend in der Mittelbronzezeit und später wieder von der Spätbronzezeit bis weit in die Eisenzeit hinein.
Genau hier liegt auch die absolute Besonderheit von Tel Shadud: Es ist der einzige Ort in der gesamten Jesreelebene, der eine lückenlose Bestattungstradition über diesen langen Zeitraum aufweist. Während die Friedhöfe vieler anderer Orte im Tal nach der Eisenzeit I aufgegeben wurden, blieb die Tradition in Tel Shadud nicht nur erhalten – der Friedhof wuchs in der Eisenzeit IIA sogar noch. Das deutet auf eine bemerkenswerte soziale Kontinuität und ein echtes Bevölkerungswachstum hin, wie man es in dieser Form bisher nur von Tel Rehov im Beth-Shean-Tal kennt.
Spätestens seit der Entdeckung eines außergewöhnlichen, menschengestaltigen (anthropoiden) Tonsarges und dank der kontinuierlichen Besiedlung ist Tel Shadud für die Forschung extrem wertvoll. Die Funde helfen dabei, völlig neue Erkenntnisse über die Ursprünge des frühen monarchischen Israels und die Rolle ländlicher Gemeinschaften in Zeiten des politischen Wandels zu gewinnen.
Die bisherigen Ausgrabungen haben dafür bereits tief blicken lassen und ganz unterschiedliche Siedlungsschichten freigelegt: Vom frühen monarchischen Israel im 9. Jahrhundert v. Chr. über die späte Eisenzeit und Perserzeit (als die assyrischen und persischen Reiche das Tal beherrschten), die römische Kaiserzeit im 1. Jahrhundert n. Chr. bis hin zu Funden aus den 1930er und 1940er Jahren zur Zeit des britischen Mandats.
Die Abläufe gestalteten sich jeden Tag gleich: Wenn wir um 5:00 Uhr auf dem Tell ankamen und unser Equipment wieder aus dem Container befreit hatten, musste zunächst das Zeltdach aufgerichtet werden, das am Vortag zum Feierabend jeweils über den Ausgrabungsflächen abgelegt wurde, um diese zu schützen. Ein ausgeklügeltes System hilft dabei, das Ganze in wenigen Minuten zu bewerkstelligen. Vor Sonnenaufgang (gegen 6:30 Uhr) wird der Fortschritt des Vortages im Bild dokumentiert. Dazu müssen die einzelnen Sektionen gereinigt werden, um ein sauberes Foto zu gewährleisten. Sind die Bilder erst einmal unter Dach und Fach, geht es an die eigentliche Arbeit.
Schichtweise wird die Erde abgetragen. Jede Erdschicht (Stratum) entspricht dabei einer Epoche. Der Boden wird vorsichtig mit Werkzeugen wie Spitzhacken, Schaufeln und der klassischen archäologischen Kelle (Trowel) abgetragen. Sobald Verfärbungen im Boden, Mauern oder Objekte auftauchen, wird auf feineres Werkzeug wie Pinsel, kleine Spachtel oder sogar Zahnarztbesteck gewechselt. Die abgetragene Erde wird gesiebt, damit auch winzige Objekte wie Knochensplitter oder kleinste Tonscherben nicht verloren gehen. Gearbeitet wird jeweils von fünf bis eins. Regelmäßige Pausen etwa jede Stunde, in denen es Kaffee, Obst oder Gebäck gibt, sowie eine größere, halbstündige Frühstückspause unterbrechen das Geschehen. Außerdem gibt es in jeder Area einen ‚Wasserbeauftragten‘, der aufpasst, dass jeder ausreichend trinkt. Als Richtschnur gelten hier drei Liter bis zum Mittag. Zudem holt der Bus um 13:00 Uhr wieder vom Berg ab und bringt alle in ein nahe gelegenes Kibbuz nach Sarid. Dort wird richtig aufgetischt. Das Essen ist abwechslungsreich, reichlich und lecker. Um zwei geht’s dann zurück ins Camp, doch vor dem Duschen muss die Keramik noch gewaschen werden. Zudem dient der ‚Potterywash‘ dem Austausch mit anderen Grabungsteilnehmern.
Die Bahai-Gärten und deutsche Geschichte in Haifa
Die wöchentliche Routine wird nur freitags durchbrochen. Dann endet die Arbeit am Tel bereits um 11:00 Uhr. Von dort aus fährt der Bus direkt nach Tel Aviv, damit jeder rechtzeitig vor dem Schabbat nach Hause kommt.
Das galt natürlich nicht für uns Ausländer. Wir fuhren zurück ins Camp, duschten, zogen uns um und machten uns stattdessen auf den Weg nach Haifa. Dort besuchten wir zunächst die berühmten Bahai-Gärten, die sich über 19 Terrassen mit einem Höhenunterschied von 250 Metern von der mittleren Stadt hinab zur Deutschen Kolonie im unteren Stadtteil erstrecken. Die Terrassen sind mit geometrischer Präzision angelegt, der englische Rasen ist perfekt geschnitten (vermutlich von Hand 😉 ) und die Palmen sind wie gemalt. Eine absolute Augenweide – selbst für Nichtgärtner!
Direkt unterhalb der Gärten wartete ein faszinierendes Stück Heimatgeschichte auf uns: die Deutsche Kolonie. Im Jahr 1868 kam eine christlich-deutsche Glaubensgruppe, die Tempelgesellschaft (Templer), in Haifa an. Ihr Ziel war es, eine Gemeinschaft aufzubauen, die ganz im Sinne Gottes lebt. Bereits im Januar 1869 legten sie den Grundstein für das erste Gebäude. Die Siedlung wuchs rasant: Zählte die Kolonie 1870 noch 14 Häuser und 120 Siedler, waren es 1873 bereits 38 Wohnhäuser und etwa 250 Einwohner.
Die Templer errichteten strukturierte Straßen, pflanzten Bäume und bauten Häuser im typisch deutschen Stil. Sie widmeten sich dem Ausbau der Infrastruktur und brachten mit der Gründung des Karmel-Hotels sogar erstmals den Tourismus nach Haifa. Eine theologische Besonderheit: Da die Templer jedes Individuum als einen eigenen Tempel Gottes betrachteten, errichteten sie statt klassischer Kirchen funktionale Gemeindehäuser. Das Ende der Kolonie kam mit dem Zweiten Weltkrieg: Am 2. September 1939 wurde die deutsche Kolonie von englischer und jüdischer Polizei umstellt; die Bewohner wurden später internierte Palästinadeutsche. Die historischen Häuser stehen jedoch bis heute, und die Gegend hat sich zu einem der charmantesten Viertel Haifas entwickelt – voller restaurierter deutscher Bauten, gemütlicher Restaurants und kleiner Galerien. Es ist wirklich ein faszinierendes Stück deutscher Geschichte mitten im Heiligen Land.
Auf den Spuren der Vergangenheit in Nazareth
Am Samstag fuhr ich am frühen Morgen nach Nazareth. Für mich als Christ ein absolutes Muss auf dieser Reise. Leider ist am Schabbat das Nazareth Village geschlossen – ein Open-Air-Museum, das das Leben im 1. Jahrhundert authentisch nachstellt, einschließlich der Rekonstruktion einer Synagoge, antiker Olivenpressen, Terrassenanbau und Schauspielern in Kostümen, die alte Handwerkstechniken wie Weben und Tischlerei demonstrieren. Das hätte ich gerne gesehen!
Besichtigen konnte ich dafür die überaus beeindruckende Verkündigungsbasilika. Sie steht dort, wo der Überlieferung nach der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschien und ihr verkündete, dass sie einen Sohn empfangen würde. Die heutige Basilika wurde in den sechziger Jahren erbaut und ist mit knapp 70 Metern Länge und 35 Metern Höhe die größte Kirche im Nahen Osten.
Das Besondere an dem Bauwerk ist seine Zweiteilung: Die moderne Oberkirche wird für die Messen der lokalen Gemeinde und der Pilger genutzt. Die Unterkirche hingegen umschließt die ehrwürdige Verkündigungsgrotte mit den Ruinen einer alten byzantinischen Kirche. Insgesamt ist es bereits das vierte Gotteshaus, das an dieser Stelle errichtet wurde. Die Reihe reicht von einer ersten byzantinischen Kirche aus dem 4. Jahrhundert über eine Kreuzfahrerkirche und eine franziskanische Kirche bis hin zum heutigen Monumentalbau von 1969.
Unmittelbar daneben befindet sich die St.-Joseph-Kirche. Der Überlieferung nach war dies das Zuhause von Josef und gleichzeitig seine Zimmermannswerkstatt – also genau der Ort, an dem der junge Jesus seine handwerkliche Ausbildung erhielt. Für Pilger hat dieser Ort natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Unterhalb der Kirche befindet sich eine kleine Grotte, etwa 10 Meter lang und 5 Meter breit. Sie diente wohl einst als antiker Vorratskeller – eine Entdeckung, die man bei vielen heiligen Stätten in Nazareth macht, da solche unterirdischen Höhlen damals ganz typisch für die Wohnhäuser der Region waren. Ähnlich wie in Jerusalem eine Woche zuvor hatte ich auch hier das Glück, dass so früh noch kaum jemand unterwegs war. So kam es, dass ich zur Besichtigung der Kirche ganz allein in dem ehrwürdigen Gebäude war.
Die Glut von Akko und das Erbe der Kreuzritter
Sonntag stand ein Ausflug nach Akko, einer alten Hafenstadt in der Nähe von Haifa, auf dem Programm. Wenn ich dachte, ich hätte mich langsam an die Hitze gewöhnt, wurde ich heute eines Besseren belehrt: Das Thermometer kletterte auf erbarmungslose 38 Grad, und die Schwüle drückte schwer in den engen Gassen. Doch Akko ist geschichtlich so faszinierend, dass man die Schweißperlen irgendwann einfach ignoriert.
Mein erster Stopp führte mich tief in die Vergangenheit zu den „Knights’ Halls“, den unterirdischen Johanniter-Hallen. Hier, im kühlen Untergrund, betritt man das einstige Hauptquartier des Johanniterordens aus der Kreuzfahrerzeit des 12. und 13. Jahrhunderts, als Akko nach dem Fall Jerusalems die Hauptstadt des christlichen Königreichs war. Die monumentalen Säulen und gewaltigen Tonnengewölbe, in denen einst Ritter speisten und Pilger gepflegt wurden, sind architektonisch absolut atemberaubend und boten glücklicherweise eine Atempause vor der Hitze.
Wieder an der Oberfläche, ging es zur Al-Jazzar-Moschee, der drittgrößten Moschee Israels und dem imposantesten Bauwerk der osmanischen Ära in der Stadt. Sie wurde 1781 über den Ruinen einer Kreuzfahrerkirche errichtet. Mit ihrer markanten grünen Kuppel, dem schlanken Minarett und dem wunderschönen, von Säulen gesäumten Innenhof, der etwas an einen Kreuzgang erinnert, strahlt sie eine unglaubliche Ruhe aus. Im Inneren verbirgt sich ein Schrein, in dem eine Locke des Barthaars des Propheten Mohammed aufbewahrt werden soll.
Anschließend stürzte ich mich in das wuselige Treiben des orientalischen Marktes (Shuk). Die Sinne werden hier regelrecht überflutet: der Duft von frischem Kardamom, Kreuzkümmel und süßem Baklava vermischt sich mit dem Geschrei der Händler und dem Anblick von fangfrischem Fisch. Ein Zeitgenosse kam mit seinem Haustier vorbei, einem weißen Ara und zögerte nicht lange, als ich ihn bat, für ein Foto kurz stehenzubleiben. Überhaupt hatte ich den Eindruck, die Leute sind alle sehr aufgeschlossen und hilfsbereit. Als ich mir Falafel kaufte und nur noch die Hälfte des verlangten Preises bar bei mir hatte, hieß es einfach: komm morgen wieder und zahl den Rest. Selbstverständlich suchte ich mir direkt einen Geldautomaten, kehrte zurück und beglich meine Schulden. Ich wollte sowieso runter ans Meer und wählte den spektakulärsten Weg: den Templertunnel. Dieser rund 350 Meter lange, unterirdische Gang wurde im 12. Jahrhundert von den Tempelrittern in den Fels geschlagen. Er diente als strategischer, geheimer Fluchtweg, der ihre Hauptfestung im Westen direkt mit dem strategisch wichtigen Hafen im Osten verband. Am Ende des Tunnels trat ich wieder ins gleißende Tageslicht und stand direkt am alten Leuchtturm (Akko Lighthouse) an der südwestlichen Spitze der Stadtmauer. Der Blick über das tiefblaue Mittelmeer, an dessen Kaimauern die Wellen peitschten, war die perfekte Belohnung für diesen heißen, aber absolut lohnenswerten Tag voller Geschichte.
Alltag im Staub: Wenn die Bibel auf das Leben trifft
Die darauffolgenden Ausgrabungstage liefen im Grunde alle nach dem gleichen, eingespielten Muster ab: Frühes Aufstehen vor dem Morgengrauen, das Zeltdach aufstellen, die Fotos für die Dokumentation machen, schichtenweise Erde abtragen, sieben, sortieren und schaufeln. Doch obwohl sich die Handgriffe wiederholten, veränderte sich mein Blick auf das, was wir dort taten: Die Zusammenhänge wurden von Tag zu Tag klarer, und plötzlich traf die Bibel ganz praktisch auf das reale Leben.
Besonders eindrücklich wurde mir das beim Sortieren unserer Keramikfunde bewusst: Wir stießen auf Scherben aus der Zeit des babylonischen Exils. Das Erstaunliche daran war, dass man diese Epoche direkt an der Qualität der Keramik ablesen konnte. Die Scherben wiesen deutlich mehr Lufteinschlüsse auf und waren viel schlechter verarbeitet als die Stücke aus früheren oder späteren Zeiten. Der Hintergrund ist so simpel wie bewegend: Die Babylonier hatten damals vor allem die Oberschicht und die ausgebildeten Handwerker – also auch die Meister des Töpferhandwerks – ins Exil verschleppt. Die Zurückgebliebenen mussten erst mühsam selbst lernen, wie man Ton richtig aufbereitet und brennt. Ein verwaschener Text aus dem Geschichtsbuch wurde so durch eine einfache Scherbe in meiner Hand plötzlich greifbar und lebendig.
Für ein ganz besonderes Highlight im Grabungsalltag sorgte ein überraschender Besuch aus der Luft: Mitten in der Arbeit flog ein Militärhubschrauber tief über den Tel und kreiste gleich zweimal um unseren Berg. Unsere stellvertretende Ausgrabungsleiterin sprang auf, griff eine israelische Flagge und schwenkte sie völlig begeistert dem Helikopter entgegen. Was wir in dem Moment noch nicht ahnten, klärte sich erst beim anschließenden Mittagessen auf: Der Pilot im Cockpit war niemand Anderes als ihr eigener Sohn, der seiner Mutter auf diesem Weg einen kleinen Gruß aus der Luft geschickt hatte.
Nach der letzten Ausgrabungsetappe am Donnerstag – nach dem gewohnten Mittagessen und der wohlverdienten Dusche – hieß es: Schicht im Schacht auf dem Tel. Ich machte mich direkt auf den Weg zurück nach Tel Aviv, wo ich gegen 18:00 Uhr in meinem Hotel ankam. Da es nur etwa 800 Meter vom Strand entfernt lag, zog ich mir Badesachen an und lief hinunter ans Meer, um mir den Staub der vergangenen Tage vom Körper zu waschen. Herrlich!
Die Reise nach innen: Yad Vashem
Von Tel Aviv aus machte ich mich ein zweites Mal auf den Weg nach Jerusalem. Diesmal ging es mir nicht um die antike Geschichte oder die heiligen Stätten, sondern um die dunkelste Epoche der Menschheit: Ich wollte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem besuchen.
Auf dem „Berg der Erinnerung“ (Har HaZikaron) gelegen, ist Yad Vashem die bedeutendste Gedenkstätte für die Opfer der Schoa weltweit. Allein das Hauptgebäude des Museums der Geschichte des Holocaust – ein prismenartiger, von dem renommierten Architekten Moshe Safdie entworfener Betonbau, der sich wie ein Keil durch den Berg schneidet – hinterlässt einen mächtigen Eindruck. Es bringt den Besucher auf einem zickzackförmigen Weg durch die dunkelsten Kapitel der Geschichte, bevor sich am Ende das Gebäude öffnet und den Blick über die sanften Hügel Jerusalems freigibt – ein bewusster Symbolismus für das Weiterleben und Hoffnung.
Mit der geführten Audio-Tour im Ohr tauchte ich stundenlang in die Dokumente, Fotografien, Originalgegenstände und persönlichen Zeugnisse ein. Die Stille im Areal, unterbrochen nur von den Stimmen aus den Kopfhörern und dem leisen Rascheln der Schritte, war greifbar. Besondere Momente der Erschütterung erfassten mich in der Halle der Namen, wo die Biografien von Millionen Opfern gesammelt werden, und in der Kinder-Gedenkstätte. Letztere ist ein abgedunkelter Hohlraum unter der Erde, in dem hunderte Kerzen durch Spiegel unendlich oft reflektiert werden wie ein Sternenhimmel, während eine Stimme unaufhörlich die Namen, das Alter und die Geburtsorte der ermordeten Kinder vorliest.
Ein bleibendes Souvenir und ein nächtlicher Irrweg
Nach meiner Rückkehr aus Jerusalem stand an diesem Freitag noch ein ganz besonderer, von langer Hand geplanter Termin auf dem Programm: Ich machte mich auf den Weg zu Gida Tattoo – einem renommierten Studio in Tel Aviv, in dem staatlich anerkannte, hochkarätige Tätowierer arbeiten. Den Termin dafür hatte ich schon Monate vorher akribisch von Deutschland aus organisiert. Unter die Haut ging es für ein ganz persönliches Symbol dieser Reise: ein Davidstern, in den ein Kreuz integriert ist, darunter der hebräische Schriftzug für Elohim (אֱלֹהִים). Es steht sinnbildlich für das, was mich auf dieser Reise auf Schritt und Tritt begleitet hat – zwei Religionen, aber ein und derselbe Gott.
Mit dem frischen Tattoo kehrte ich ins Hotel zurück und kam dort dann irgendwann auf die Idee, den Tag noch ganz entspannt ausklingen zu lassen, und machte mich noch einmal auf den Weg, kurz ans Meer, um die Füße ins Wasser zu halten. Handy und Brieftasche ließ ich im Hotel, zumal die Geschäfte eh alle zuhaben am Freitagabend. Sollte ich noch etwas trinken, oder ein Eis wollen, hätte ich ja meine Uhr dabei. Ein fataler Leichtsinn, wie sich kurz darauf herausstellte. Auf dem Rückweg bog ich irgendwo in der Dunkelheit falsch ab und geriet tief in das Labyrinth von Alt-Jaffa. Ohne Smartphone und damit ohne Maps war an eine sinnvolle Navigation nicht zu denken. Ich irrte über eine Stunde lang durch verwinkelte Gassen, während die Orientierungslosigkeit von Minute zu Minute stieg. Die Rettung kam schließlich in Form von Schienen: Nach schier endlosem Suchen stieß ich auf die Gleise der Straßenbahnlinie R1. An ihnen konnte ich mich endlich orientieren, um den Weg zurück Richtung Hotel einzuschlagen. So wurde aus dem kurzen Abstecher ans Meer ein unfreiwilliger, aber unvergesslicher Nachtmarsch quer durch Jaffa.
... und noch ein paar Fotos



























































































































